Social Prototyping
The social side of prototypingArchiv für Innovation
“Yet another web platform!”
Im Projekt „Open-I“ meines Forschungsnetzwerks wurde in den letzten Wochen ein Ansatz erprobt, der für mich richtungweisend im Bereich Innovationsmanagement ist:
Zur Unterstützung von Innovationsprozessen wurde in Unternehmen eine selbstentwickelte Online-Plattform eingeführt, auf der Ideen bewertet, kommentiert und diskutiert werden können -ganz nach den klassischen Mechanismen von Open-Innovation (aber innerhalb eines Unternehmens). Diese Online-Plattform wurde aber jetzt kombiniert um eine Reihe von Offline-Werkzeugen, um in Workshops überhaupt auf neue Ideen zu kommen, diese in Teams interdisziplinär zu visualisieren und zu diskutieren. Dabei wurden z.B. eine Reihe von Modelle und Prototypen direkt in der Büroumgebung entwickelt, die dann dokumentiert und als Photos bzw. 3D-Animation auf die Online-Plattform für die weitere Diskussion gestellt wurden.
Ich finde diese Kombination aus Offline- und Online-Werkzeugen hervorragend und ein Weg in die richtige Richtung: In den letzten Jahren kam es mir oft so vor, dass manche Innovationsexperten versuchen, jede nur erdenkliche Innovationsaufgabe mit „yet another web platform“ zu erschlagen. Ganz nach dem Motto: „Hast Du nur einen Hammer, kommt Dir jedes Problem wie ein Nagel vor“. Ich möchte hier aber nicht falsch verstanden werden: Ich bin als Informatiker und früherer IT-Unternehmer natürlich kein Gegner von Web-Plattformen. Ich habe nur in den letzten 10 Jahren lernen müssen, dass die Vorzüge von Online-Communities, web-basierten Ideenplattform etc. nur für ganz bestimmte Aufgaben im Innovationsprozess zur Geltung kommen können – aber auch richtig genutzt, ganz hervorragende Dienste leisten können. Vielmehr besteht aus meiner Sicht die Herausforderung, für die richtige Aufgabe das richtige Werkzeuge zur richtigen Zeit einzusetzen und die Entscheidung dafür bewusst (und nicht durch Trends verleitet) zu treffen.
Meist ist die Lösung hierfür eine geschickte Kombination aus Offline- und Online-Werkzeugen: Also z.B. die Veröffentlichung von physischen Modellen und Prototypen auf Online-Communities. Die Verbreitung von virtuellen Inhalten aus Webplattformen über räumlich verteilte Bildschirmflächen in einer Büroumgebung. Die Nutzung von Software-Tools, um z.B. die Echtzeit-Interaktion in Teammeetings zu unterstützen, etc. Die Disziplin des Design Managements ist hier schon etwas weiter und wir aus dem Bereich des Innovationsmanagement können hier bestimmt noch das ein oder andere lernen. Das Projekt “Open-I” zeigt, dass Bewegung in diese Diskussion kommt und nun tolle Ansätze entwickelt werden!
Praxisseminar Innovationsdesign
Mein Praxisseminar “Innovationsdesign” an der Universität Erlangen-Nürnberg startet in diesem Jahr am 30. Oktober 2009 und ist offen für alle Studenten der Studiengänge Betriebswirtschaftslehre (Diplom), Wirtschaftsinformatik, Internationale BWL, International Business (Master alt), Sozialwissenschaften, etc. Weitere Informationen dazu auf den offiziellen Seiten des Lehrstuhls Wi1.
Ich freue mich auf viele interessierte Teilnehmer!
Die Folien zum Seminar können hier geladen werden:
- Bernhard Doll
Design-driven Innovation
Fast egal welches Buch man über Innovationsmanagement aufschlägt: Überall ist die Rede von sog. “user-centered”-Innovationen. Dabei empfehlen die Autoren, zu Beginn des Innovationsprozesses Kunden bzw. Nutzer zu beobachten und zu befragen, deren Verhalten und Aussagen zu analysieren und daraus Schlussfolgerungen für nächste erfolgreiche Geschäftsideen abzuleiten. Es mag mir einleuchten, dass man mit dieser Vorgehensweise eine Vielzahl an bestehenden Produkten inkrementell verbessern kann, weil man von Nutzern erfährt, was im gegenwärtigen Alltag funktioniert und was nicht. Oder man entdeckt “Probleme”, die noch gar nicht von einem Produkt oder Service gelöst wurden. Je größer die Probleme, desto größer das Geschäftspotenzial. Soweit so gut.
Doch wie mag die Kundeninteraktion ausgesehen haben, aus der Entwickler das Konzept der Wii-Spielekonsole hätten ableiten können? Oder wie könnten die Entwickler von Tesla Motors durch Kundeninteraktion auf die Idee kommen, einen Luxus-Sportwagen mit Batteriebetrieb zu bauen? Oder wie lief es bei der Entwicklung der Kultlimonade Bionade, oder bei der Erfindung des genialen Lampenkonzept Metamorfosi der italienischen Firma Artemide? Haben da die Kunden gesagt, dass sie ein völlig neues Beleuchtungskonzept brauchen, mit dem sie Räume durch Licht in neue Lebenswelten verwandeln können? Und welches “Problem” lösen diese Produkte für den Kunden? Was denken Sie?
Ich vermute, dass in allen Fällen Innovatoren am Werk waren, die schlicht versuchten, durch ihre Produkte und Services nicht nur “Probleme” zu lösen, sondern funktionale aber auch sinnliche, emotionale und soziale Wünsche und Begehrlichkeiten anzusprechen. Sie wollten Produkte und Services schaffen, die für Kunden eine Bedeutung haben und in ihre Welt einfach sozialisiert werden können. Diese Wünsche und Begehrlichkeiten zu verstehen ist aus meiner Sicht von zentraler Bedeutung, um Produkte und Services zu entwickeln, die Menschen gerne nutzen und von Wettbewerbern nicht so leicht kopiert werden können.
Eines der zentralen Werkzeuge im Innovationsprozess ist für mich der sog. Persona aus der Disziplin des Designmanagements, in dem Menschen, die einen wesentlichen Einfluss auf den Innovationserfolg haben (z.B. Kunden, Nutzer) sehr genau (qualitativ) beschrieben werden. D.h., wer genau ist unser Kunde? In welcher privaten wie beruflichen Lebenssituation stecken sie? Welche Ziele haben sie (kurz-, mittel- und langfristig)? Was treibt sie? Wie drücken unsere Kunden ihre Identität aus? In welchem sozialkulturellen Kontext leben sie? Und in welchem Kontext nutzen Kunden ein bestimmtes Produkt oder Service? Aus diesen Informationen kann man vielfach Muster für tief verwurzelte Wünsche und Begehrlichkeiten entdecken, aus denen eine „Leitidee“ für ein innovatives Produkt oder Service synthetisiert werden kann. Über effiziente Innovationsexperimente kann diese Leitidee dann (auch mit Kunden) schrittweise getestet werden. Diese Vorgehensweise ist also nicht streng “user-centered”, sondern “design-driven”. Kunden auch hier im Vorfeld zu beobachten und zu befragen ist eine höchst sinnvolle und notwendige Angelegenheit. Nur der Fragebogen sieht anders aus, als wenn man letztendlich nach “Problemen” im Alltag sucht.
Lektüre zum Thema: Verganti, R. (2009): Design-driven innovation: Changing the rules of competition by radically innovating what things mean, Boston: Harvard Business School Press.
Charles Leadbeater über “Open Innovation” auf TED
….als Ergänzung zu meinem Artikel “Open Innovation” vs. “Open Ideas”.




